Ich gehe in Seattle gerne zur “Town Hall”. Das ist nicht etwa das Rathaus, sondern eine Art Kulturverein der in einer ehemaligen Kirche residiert. Es ist ein grosses neoklassisches Gebäude mit halbrundem, sehr ansprechenden Vortragssaal. Der Town Hall Verein lädt mehrmals pro Woche Kulturschaffende, Musiker, Autoren, Wissenschaftler und public intelectuals zum Vortrag ein. Am Sonntag war Suzanne Simard zu Gast, mit dem Thema „When the Forest Breathes”. Sie ist Kanadierin und offensichtlich das amerikanische Pendant zum Förster Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume”. Im Gegensatz zu ihm ist sie sogar eine publizierte Forscherin, zum Thema Mykorrhiza-Netzwerke und den Mother-trees. Im Vortrag hat sie gegen die amerikanische und kanadische Praxis der Kahlschlag-Waldwirtschaft gesprochen. Dabei wird ein ganzes Waldgebiet gefällt und komplett abgeräumt. Obwohl inzwischen nur noch minimale Bestände an old growth forest existieren, also dem Wald der schon stand als der weisse Mann nach Amerika kam, werden diese immer noch gerodet. Anschliessend werden Herbizide gesprüht und dann eine neue Monokultur gepflanzt. Nach zwei weiteren Durchgängen mit Herbiziden wachsen auch tatsächlich nur noch die neu gepflanzten Setzlinge. Ich kenne die Kahlschläge sehr gut von meinen Wanderungen im Vorgebirge der Cascades. Ausserhalb des Nationalparks wird hier noch viel industrielle Waldwirtschaft betrieben. Mir leuchtet unmittelbar ein, wie schädlich diese Praxis für das Bodenleben und die Tier und Pflanzenwelt ist.

Als sie jedoch am Schluss auf Publikumsfragen antwortete, wurde deutlich wie problematisch es ist, wenn sich Forscher zu politischen Fragestellungen äussern, die mit ihrem Fachgebiet nur am Rande zu tun haben. In der Frage ging es um den Erhalt der Bäume in Seattle. Seattle ist in weiten Teilen für eine Grossstadt recht locker besiedelt, die Leute lassen gerne grosse Bäume in Garten ihrer Einfamilienhäuser wachsen. Die Stadt wird deshalb auch Emerald City genannt, also die smaragdgrüne Stadt. Nun ist Seattle aber ein begehrter Wohnort und die Enfamilienhäuser kann sich nicht jeder leisten. So werden sie gerne durch Reihenhäuser ersetzt, wenn sie auf den Markt kommen. Dabei muss oft der Baum im Garten dran glauben.
Suzanne Simard sagte in ihrer Antwort sinngemäss: Ein Kahlschlag von Seattle wäre schrecklich. Und sie erklärte, wie wichtig die Bäume für das Stadtklima seien. Das mit dem Stadtklima ist natürlich richtig und wichtig. Nun ist es aber so, das die Parole vom Kahlschlag in Seattle (Don’t Clearcut Seattle) ein politischer Slogan ist. Erstens ist eine Stadt kein Wald. Seattle war einmal ein Wald, aber den hat man vor 150 Jahren komplett entfernt. Dann wurde die neue Stadt auf die nackte Erde gebaut. Die alten Bäume um die es heute geht, sind von den neuen Siedlern in ihren Gärten als Zierbaum gepflanzt worden. Der Baum hinter meinem Gartenzaun, er gehört dem Nachbarn, ist ein gutes Beispiel. Ungefähr 25 Meter hoch sieht er aus als stünder er schon immer da. Gemini identifiziert ihn aber als Himalaya-Zeder (Cedrus deodara). Immer wenn es stürmt schleppe ich meine Matratze ins Wohnzimmer weill ich Angst kriege, dass mir der Baum auf’s Haus fällt.

Natürlich hat kein Mensch im Sinn, alle Bäume aus Seattle zu entfernen. Viele Bürger entdecken ihre Liebe zu Bäumen jedoch genau dann, wenn auf ihrem Nachbargrundstück ein Mehrfamilienhaus entstehen soll und ihnen Bange wird ob die neuen Nachbarn etwa zum Charakter des Viertels passen, wie man hier so schön sagt (in Deutschland drückt man sich direkter aus und spricht von Ausländern, Proleten, partyfeiernde Studenten etc.). Oder sie sorgen sich, ob sie in Zukunft noch einen Parkplatz für den Zweit- Dritt und Viertwagen der Familie auf der Strasse finden werden. Ich kenne Leute die wohnen mitten in der Stadt, haben aber ihrer Tochter mit 16 ein Auto gekauft, damit sie zur Schule fahren kann.
Statt Slogans bräuchte es vernünftige Regelungen, etwa um ein neues Haus um bestehende Bäume herumbauen zu können, ohne dabei den Bebauungsplan zu verletzen. Oder dass man, wenn der Platz zwischen Baum und Haus zu eng wird für den Gehweg auch mal Strassenraum opfert um den Gehsteig dorthin zu verlegen, wo normalerweise die Autos parken. Ihr könnt euch vorstellen wie gut diese Idee den NIMBY’s (not in my back yard) gefällt.