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Ein Programmierer in New York (IV und Schluß)

Im vierten und letzten Teil geht es um das Einstellungsprozedere, vom ersten Kontakt bis zum Vetragsangebot.

Nach dem Senden der Bewerbung

Wenn eine Firma interessiert ist, reagieren sie meistens recht schnell (einige Tage). Manche lassen sich auch länger Zeit, aber es ist eher unwahrscheinlich, daß nach Wochen das Wartens noch eine positive Reaktion kommt. Wenn eine Firma interessiert ist, melden sie sich entweder per Telefon oder email und fragen nach einem Termin für ein etwa 45 minütiges Vorstellungsgespräch am Telefon. Gut, der erste Schritt ist geschafft!

Unglücklicherweise sind Absagen im email-Zeitalter aus der Mode gekommen. Ich kann es verstehen, denn wer hindert Hundertschaften von ungeigneten Kandidaten daran, hundertmal am Tage die gleiche Bewerbung herauszuschicken? Als jemand, der ausschließlich handgefertigte, quasi auf Büttenpapier gedruckte und sorgsam and die Stellenanzeige angepasste Briefe und Lebensläufe verschickt, fand ich es trotzdem unfair, keine eine Reaktion auf meine Mühe zu erhalten. Die Antwortquote lag bei 35%, das schließt auch Absagen mit ein, 65% meiner Bewerbungen verhallten ohne jede Resonanz.

Das Telefon-Interview

In Deutschland gibt es das meines Wissens nicht, aber in Amiland ist es die Regel: Um allen Beteiligten unnötigen Zeitverlust zu ersparen, wird der Kandidat erstmal am Telefon abgeklopft. Entweder macht das jemand von der Personalabteilung, oder der Software-Chef, oder beide zusammen, oder sie rufen nacheinander an. Die Fragen sind die üblichen: Erzählen sie uns, was sie an ihrer letzten Stelle getan haben.Warum interessieren Sie sich für unsere Firma usw.

Dann können aber gleich schon technische Fragen folgen: Welche Erfahrung haben sie mit Python? Was ist eine “Klasse” in objektorientierter Programmierung? Google war besonders fortgeschritten: Der Interviewer schickte mir den Link zu einem Google-Dokument und bat mich, eine Funktion zu codieren (in einer Sprache meiner Wahl), die ein Array um 5 Stellen nach rechts shiftet. Uff. Das hat mich kalt erwischt. Aus drei Gründen:

  1. Ich muß gestehen, daß ich beim Programmieren kaum noch auf die Syntax achte. Anders als in den 80gern, sind die Compilezyklen so fix, daß man warten kann, bis der Computer das fehlende Semikolon anmeckert (Eclipse macht sogar gleich einen roten Kringel im Editor). Wenn man dann plötzlich auf einem weißen Blatt Papier codieren soll, merkt man, daß man viele simple Regeln und Kommandos nicht im Kopf hat und überhaupt viel zuviel googelt (heisst es array.size() oder array.lenght oder len(array)?)
  2. Der Akt des über-die-Schulter-schauens kann einen lähmen und am Denken hindern.
  3. Grundlagen aus dem Studium werden ebenfalls abgefragt. Lies Dir nochmal ein gutes Buch über Algorithmen und Datenstrukturen durch (z.B. Niklaus Wirth). Mach ein paar Aufgaben dazu. Auch wenn Du sie seit der Uni nicht mehr selbst implementiert hast (wozu gibt’s das collections framework?) an dieser Stelle mußt Du mindestens wissen, wo verkettete Listen und binäre Bäume am Platz sind und welche Vor- und Nachteile sie haben.

Üben hilft!

Programmier-Rätsel

Falls es nicht bereits eine Voraussetzung für die Bewerbung war, dann kommt es wahrscheinlich jetzt: Das Programmier-Puzzle. Für eine mehr oder weniger klar definierte Aufgabe soll eine Lösung programmiert werden. So lange man mir etwas Zeit zum Nachdenken lässt, ist es mir recht.

Vorstellungsgespräch

Da die grundsätzliche Eignung nach den vorherigen Etappen bereits klar scheint, wird beim Vorstellungsgespräch Ernst gemacht: Die Firma investiert richtig viel Zeit und schleust Dich in einigen Stunden durch alle Abteilungen. Ich habe mit bis zu 8 Leuten gesprochen. Manche machen Tests und lassen Dich eine Lösung an der Tafel skizzieren, andere wollen Dich am Computer tippen sehen. Danach war ich ganz schön geschafft! Aber es ist wirklich gut, viele zukünftige Kollegen zu beschnuppern (und umgekehrt).

Jobangebot

Spätestens hier wird meine Datenbasis dünn, soviele Angebote gab’s nicht für mich. Wenigstens eines kam und es kam recht schnell. Per Telefon und email verhandelten wir die letzten Details wie Starttermin und Gehalt. Dann waren Formulare auszufüllen. Und so viele:

  • Angebots-Brief (unterzeichnen und Handzeichen auf alle Seiten)
  • Personendaten
  • Schweigepflichtserklärung
  • Abtretungserklärung
  • Bestätigung der US-Arbeitserlaubnis
  • (freiwillige) Enthüllung der Rassenzugehörigkeit
  • Steuerformular (federal tax)
  • Steuerformular (state tax)
  • Kontoverbindung
  • Krankenversicherung
  • Lebensversicherung
  • Rentenversicherung
  • Firmen-Handbuch gelesen (unterschreiben)

Ich freue mich auf meinen ersten Arbeitstag 🙂

Ein Programmierer in New York (III)

Heute: Die Hilfe von Personaldienstleistern (Recruiter)

Wenn das Telefon endlich mal klingelt, ist es vermutlich ein Recruiter und nicht der ersehnte Anruf des Personalchefs. Der Recruiter hat eine Übereinstimmung Deines Lebenslaufs mit einem Stellengesuch gefunden:

Python = Python

Hurra! Seine Kommission scheint schon in Reichweite.

In einigen Fällen haben Recruiter tatsächlich interessante Angebote, viele Firmen arbeiten auch mit Recruitern, es kann also durchaus die Mühe wert sein, auch auf Angebote zu reagieren, die nicht direkt von Firmen kommen. Es wie mit den Maklern auf dem Wohnungsmarkt (in New Yorks wahre Heerscharen von Maklern unterwegs, möglicherweise gibt es sogar mehr als Polizisten, aber weniger als Eichhörnchen. Ich habe den Verdacht, daß viele Absolventen von schlechten Colleges es nicht zum Programmierer bringen und sich dann auf Personalvermittlung spezialisieren.)

Neben den Recruitern, die sich auf die reine Vermittlung beschränken, gibt es auch Personaldienstleister, die Dich unter Vertrag nehmen und dann an den Arbeitgeber für eine etwas höhere Summe verkaufen. Der Vertrag endet aber mit dem Ende des Kundenprojekts, der Dienstleister kann im Anschluß etwas Neues für Dich haben oder auch nicht. In vielen Fällen ist das Ziel dieses Zeitvertrages aber auch die Übernahme, falls der Kunde mit der Leistung zufrieden war. Der Vertrag kann ein festes Monatsgehalt vorsehen, oder die Abrechnung auf Stundenbasis. Besonders attraktiv fand ich letzteres nicht, denn die so erzielten Stundenlöhne sind praktisch identisch zu der Summe, die ein Festangestellter verdient, wenn man das Monatsgehalt auf eine Arbeitsstunde herunterbricht. In Deutschland rechnet man gemeinhin etwa das Doppelte als Stundenlohn für einen freien Mitarbeiter. Denn der Freie muss ja alles obendrauf selbst finanzieren, was sonst die Firma mit übernimmt: Urlaub, Krankenzeit, Versicherungen, Weiterbildung, Steuererklärung, Akquise. In USA wird aber nicht so gerechnet. Mir wurden Stundenlöhne von $40-$70 genannt, ich fand das recht wenig.

Man kann mit den Recruiters leben, anders als die Wohnungsmakler werden sie vom künftigen Arbeitgeber bezahlt (angeblich bis zu 25% eines Jahresgehalts).

Ein Programmierer in New York (I)

In diesem und in folgenden Blogeinträgen schildere ich meine Erfahrungen bei der Arbeitssuche in New York. Möglicherweise hat jemand ähnliche Pläne und ist dankbar für die Hinweise. Aber Achtung, ich denke daß vieles was ich hier schreibe spezifisch für die Situation in New York ist und im Silicon Valley oder in der Provinz mag alles ganz anders sein.

Der Arbeitsmarkt in New York

Hire und fire hatte ich als Losung im Kopf, wenn es um den amerikanischen Arbeitsmarkt geht. Ich stellte mir vor, dass die Firmen hier nicht zögern einen Angestellten hinauszuwerfen, wenn die Leistung nicht stimmt oder der Absatz schlecht ist. Umgekehrt sollten sie aber auch ganz fix mit Neueinstellungen sein und wer sich an einem Tag vorstellt, kann gleich am nächsten mit der Arbeit beginnen. Wie alle Klischees, erwies sich diese Vorstellungen als fast komplett falsch. Die Firmen brauchen Wochen bis Monate um einen Bewerber durch den Einstellungsprozess zu schleusen und ich habe viel Zeit verloren, weil ich zuerst auf meine Arbeitserlaubnis wartete und mich erst mit deren Eintreffen ernsthaft zu bewerben begann. Trotzdem unterschrieb ich am Schluß bei einer Firma, die vom Erhalt meiner Bewerbung bis zum Arbeitsangebot nur gerade mal 11 Tage brauchte.

In der Vergangenheit hatte ich immer den Traum, einmal als Kellner zu arbeiten, weil ich zu gerne beweisen wollte, dass man zu den Gästen aufmerksam, höflich und mit dem Service schnell sein kann, alles Fähigkeiten die ich beim Personal zu häufig vermisse. Als ich dann über zwei Monate in New York auf dem Trockenen sass, habe ich trotzdem nie ernsthaft daran gedacht eine Arbeit im Dienstleistungssektor zu suchen. Ein Grund ist das niedrige Gehalt, als Kellner oder Bürokraft verdient man vermutlich um die $3000-$4000 im Monat, als Programmierer mindestens das Doppelte. Daneben war ich aber auch durch die Bewerbungen zeitlich ziemlich in Anspruch genommen. Ich habe mich in der Wartezeit intensiv in Web-Technologien eingearbeitet. Die potentiellen Arbeitgeber lieben es, Programmieraufgaben zu stellen. Vielleicht macht man das in Deutschland heute auch, aber als ich vor etwa zehn Jahren das letzte Mal in Deutschland auf Jobsuche war, war so etwas nicht üblich. Für einige Aufgaben habe ich durchaus ein paar Tage gebraucht, vor allem wenn grafische Ausgabe oder eine Webseite gefordert war.

Unternehmen

In New York gibt es reichlich Arbeitsangebote bei Startups und andern jungen und eher kleinen Softwareunternehmen. Fast immer geht es um Web-Programmierung und Datenbanken. Die Branchen sind Werbung, nochmal Werbung, Unterhaltungsindustrie, Ausbildungs/Schulsoftware, Onlinehändler. Daneben gibt es große Medienunternehmen (Bloomberg, New York Times) und natürlich die Finanzindustrie.

Meine Programmierfahrung in den letzten Jahren bewegte sich hingegen stark im technischen Sektor, aber leider gibt es in dieser Stadt einfach nichts derartiges. Ich habe keinerlei Industrie gefunden, die technische Geräte oder Maschinen herstellt. An anderen Orten im Land, wo Programmierer für eingebettete Systeme gebraucht werden, ist wiederum der Anteil der Militärtechnologie sehr hoch und abgesehen davon, dass so einem Job eine intensive Durchleuchtung vorausgeht, will ich ohnehin keine Waffen bauen oder Drohnen fernsteuern.

Ich musste meinen Lebenslauf also in Richtung Java und Web-Technologien hinbiegen und mich soweit fit in der Materie machen, dass ich bei einem Vorstellungsgespräch oder Programmiertest nicht sofort durchfiel (trotzdem ist genau das ein paarmal passiert).

Voraussetzung: Arbeitserlaubnis

In meinem Fall war die Arbeitserlaubnis relativ problemlos zu bekommen, denn durch meine Heirat mit der Amerikanerin L. erhalte ich mehr oder weniger automatisch eine Aufenthaltsgenehmigung, die die Arbeitserlaubnis einschließt. Vom Moment der Hochzeit bis zur Green Card sind es allerdings um die sechs Monate, soviel Zeit brauchen die Behörden um den Prozess zum Abschluss zu bringen. Gleichzeitig mit dem Green Card Antrag (korrekt: Adjustment of Status) stellte ich einen Antrag auf Arbeitserlaubnis (Employment Authorization), der mir nach etwa 6-8 Wochen ein mit Foto und Fingerabdruck versehenes Kärtchen im Briefkasten bescherte. Diese Arbeitserlaubnis ist vorläufig gültig für ein Jahr (aber mit der Erteilung der Green Card obsolet).

Natürlich gibt es auch den Prozess des Arbeitsvisums (H1B-Visum). Dazu muß man bereits aus Deutschland einen Arbeitgeber finden, der diesen Prozess unterstützt und alle notwendigen Unterlagen und Bescheinigungen zu erbringen bereit ist. Stand Herbst 2011 ist es meiner Meinung nach für den durchschnittlichen Softwerker so gut wie aussichtslos auf diese Weise ins Land zu kommen. Fast alle Stellenangebote weisen direkt darauf hin, dass sie nur Bewerber berücksichtigen, die bereits eine Arbeitserlaubnis besitzen. Chancen auf ein Arbeitsvisum gebe ich nur Leuten die entweder die nötigen Kontakte zu Firmen bereits haben (etwa durch frühere Beschäftigung) oder für Programmierer mit extremer Spezialisierung, etwa in Krytographie oder etwas ähnliches.