Die Täler des Puma

Ich habe Libby zu einer drei-Tages-Wanderung in das Ñuble-Reservat überredet, das ist etwa zwei Stunden Fahrt von meinem Haus im Gebirge, die letzten zehn Kilometer kann man nur mit Allradantrieb erreichen. Ich muss im Nachhinein zugegeben: Die Tour mach man am besten zu Pferd, zumindest der erste Tag war zu Fuss eine Schinderei.

Nach dreiundzwanzig Kilometern erreichten wir die Termas Los Peucos und waren hingerissen: Sorgfältig angelegte Becken mit verschiedem temperiertem Wasser, das grösste Becken war so heiss, man brauchte lange um zentimerweise hineinzurutschen. Dann aber war es grossartig unter den Sternen im heissen Wasser zu quellen. Mittlerweile war es Nacht.

Am folgenden Tag wären wir so gerne geblieben, doch der Wagen der rollt, zwei Tage später musste ich wieder bei der Arbeit sein. Wir sind dann über Almen, wo Pferde und ein paar Kühe grasten zu einer Passhöhe gelaufen und an der andern Seite wieder runter. Almen, schreibe ich. Besser wäre: Sommerweiden. Denn mit einer Alm im Alpenstil hat das wenig gemein. Die Weide ist ungepflegt, das Vieh steht zwischen Büschen und im Sumpf, ich frage mich, wie sie die Kühe im Herbst wiederfinden. Die Hütten für die Cowboys sind auch eher provisorisch.

In der zweiten Nacht bauten wir das Zelt irgendwo an einer Wegkreuzung auf, nahe eines Bachs. Der Himmel  zog sich zu und nach dem Essen machte ich Feuer. Ganz klein und mit trockenem Holz, der Wind hatte aufgefrischt und ich wollte keinen Waldbrand verursachen. Die Dämmerung kam und plötzlich hörten wir Schreie im Wald. Oder vielmehr, ein singendes Rufen. Ich erklärte Libby, das seien wohl Hirten, die sich über die Täler hinweg in einem Jodel-Singsang über die morgigen Pläne verständigten (das Jodeln kommt wirklich daher, habe ich gelesen! Die singenden Töne tragen weiter…). Es war nun wirklich dunkel und ein bisschen unheimlich und mit dem letzten Scheit den ich auflegte, hatte ich einen brenzligen Geruch inder Nase. “Marihuana” sagte Libby in diesem Moment, sie hatte es auch gerochen. Was war los? Stand da ein Jodler mit einem Joint im Wald und schaute uns beim campen zu? Wir leuchteten die Bäume aus, nichts. Also entweder gibt es da oben eine Pflanze, die genauso riecht, oder jemand hatte beim porro-drehen ein paar Krümel fallen lassen, die genau in diesem Moment in Rauch aufgingen.

Später begann es zu regnen und wir krochen ins Zelt. Pferdegetrappel draussen. Dann wieder Stille, dann ein wiehern. Ich leuchte heraus und sehe nichts. Minuten später wieder das Geräusch von schweren Hufen. Diesmal sehe ich das Tier. Es ist ein Packpferd, offenbar ausgerissen, der Sattel mit den leeren Tragegestellen hängt ihm schief an der Seite. Es Lässt sich willig von mir an der Leine nehmen und an einen Baum binden. Den Sattel nehme ich ihm ab, heute Nacht wird keiner mehr kommen, bei Nebel und Regen sieht man die Hand vor Augen nicht und die chilenischen Cowboys haben keine LED-Stirnlampen, so wie wir!

Libby ist superstolz: Wir haben ein Pferd erbeutet. Am Morgen will sie es mit den Rucksäcken belanden und leichtfüssig zurück zur Rangerstation laufen, das Pferd hinterdrein.

2 thoughts on “Die Täler des Puma

  1. stefan

    Am folgenden morgen kamen die Möchtegern-Cowbiys vom Berg herunter, völlig durchnässt. Sie haben die Nacht in Decken gewickelt unter Bäumen verbracht. Ich glaube sie waren ganz dankbar, daß wir ihr Pferd eingefangen hatten!

    Stefan

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