Standbilder

Der Flug von Frankfurt nach Seattle ohne Zwischenlandung dauert zehn Stunden. Wenn sie nicht dösen, vertreiben sich die meisten Passagiere die Zeit mit den Filmen des Bordprogramms. Da ich weitsichtig bin, strengt es meine Augen unagenehm an, den mit äusserst knappem Abstand in der Lehne des Vordersitzes angebrachten Bildschirm zu fokussieren. Deshalb schaue ich lieber zwischen den Sitzen hindurch auf die Schirme der vor mir Sitzenden und folge deren Filmen ohne Ton. Wenn immer eine Durchsage den Fortgang der Handlung unterbricht, gefriert das Bild um erst weitzerzulaufen, wenn Kapitän oder Flugbegleiter ihre Ansagen in flapsigem Deutsch und holperigem Englisch hinter sich gebracht haben.

Dabei ist mir aufgefallen, dass die Schauspieler aud den Standbildern in jedem zufälligen Moment genau die der Szene perfekt entsprechende Haltung und Mimik zeigen. Es gibt keine entgleisten Gesichtszüge, geschlossene Augen oder hilflos ins Nirgendwo gerichtete Gesten. Natürlich ist das kein Wunder, schliesslich ist es der Job aller Beteiligten eine gute Figur zu machen und Kameramann und Regisseur spielen jede Szene so oft ein, bis es perfekt aussieht. Trotzdem denke ich, dass es vielleicht ein Aspekt guter Schauspielei ist, seine Körpersprache und Mimik in jedem Moment voll unter Kontrolle zu haben. Meine Familie hätte sich daran ein Beispiel nehmen sollen, als wir uns vor der Kulisse des Titisees im Schwarzwald für ein Foto vor die Kamera stellten. Der Junge reisst sich los, Mutter hat die Augen zu, die Tochter die Hand im Gesicht und Vater steht krumm und schief. Keines der Bilder taugt dafür es den Grosseltern im Rahmen zu überreichen.